Standardkosten

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Prüfsiegel gültig bis 09.03.2022

IGC-DEFINITION

Standardkostenrechnung / Standard costing
Die Standardkostenrechnung ist eine Entwicklungsform der Plankostenrechnung, in welcher sämtliche Leistungsbezüge immer zu standardisierten Sätzen verrechnet werden. Bezüge ab Lager bewertet man immer zum Standard-Einkaufspreis und Leistungen von Kostenstellen immer zum Plankostensatz. Dies hat den großen Vorteil, daß im Soll-Ist-Vergleich Abweichungen, die in vorgelagerten Systemen entstanden sind, nicht auf nachgelagerte Systeme durchschlagen. Damit entspricht man der Forderung der Verantwortlichkeitsrechnung, nämlich nur solche Kosten auszuweisen, die auch beeinflußbar sind. Die Standard-Produktkosten stammen aus der Plan- bzw. Vorkalkulation. In der Kostenplanung werden sie pro Produkt durch Multiplikation des Materialbedarfs (Vorgabemenge) mit den entsprechenden Standard-Materialpreisen sowie der Arbeitszeiten (Vorgabezeiten) mit den dazugehörigen proportionalen Plankostensätzen gewonnen. Sie sagen damit aus, was das einzelne Produkt an leistungsabhängigen Kosten verursachen soll. In der Vorkalkulation werden die Standard-Produktkosten auftragsspezifisch, d. h. nach den genauen Kundenspezifikationen, aber mit Standardpreisen und Plankostensätzen berechnet. Die entstehende Differenz ist daher nur auf die auftragsbezogenen Änderungen zurückzuführen.

aus: IGC-Controller-Wörterbuch, International Group of Controlling (Hrsg.)

Zusammenfassung

Standardkosten gibt es bei serieller Produktion. Das Produkt muss normiert oder standardisiert sein; d. h. wiederkehrend nach einer bestimmten Stückliste oder Rezeptur sowie nach einem bestimmten Arbeitsplan und vorgegebenen Zeiten hergestellt werden. Im Falle der Standardkalkulation ist das gesamte Mengengerüst für Material (Rezepturen für Mischungen sowie Ausbeuten und Abfallraten) sowie das Zeitgerüst (gewähltes Produktionsverfahren, geplante Losgröße, Arbeitsplan des Stücks) standardisiert. Das Gegenstück zur Standardkostenrechnung oder Standardkalkulation ist die Vor- und Nachkalkulation bei Einzelfertigung. Hier sind das Mengen- sowie das Zeitgerüst des Auftrages nicht normiert, weil sie jeweils im Einzelfall von der Spezifikation des Kundenwunsches abhängen. Als Planansatz können auch im Falle der auftragsorientierten Nachkalkulation die Kostensätze pro Stunde als Leistungseinheit einer Kostenstelle verwendet werden. Die Zahl der Stunden hingegen ist nicht normierbar. Was eine Stelle macht, lässt sich in der Regel auch bei Einzelfertigung standardisieren, nicht jedoch wie viel davon sie jeweils für einen individuellen Auftrag zu erbringen hat.

Beispiele für eine Standardkalkulation - Sonderfälle

Ein Unternehmen stellt Verpackungsfolien her – und zwar in Auftragsproduktion für verschiedene Kunden aus der Konsumgüterindustrie. Die Folien folgen bestimmten Spezifikationen nach Breite, Stärke, Materialart, Art der Weiterverarbeitung, nach Farbe und Aufdruck. Im Falle einer solchen Auftragsproduktion erhielt der Controller von seiner Geschäftsleitung das Projekt übertragen, eine Standardkostenrechnung einzuführen und für die Produkte Standardkosten zu ermitteln. Diese Aufgabe ist jedoch generell in diesem Falle nicht lösbar. Die Kalkulation von Standardkosten setzt voraus, dass die Produkte normiert sind. Das bedeutet zumindest teilweise einen Verzicht darauf, jeden Sonderwunsch eines Kunden auszuführen. Ausgangspunkt der Standardkostenkalkulation ist, dass der Verkauf in der Lage ist, auch einmal nein zu sagen und nicht jedem Sonderwunsch Folge zu leisten. Falls sich dies von der Natur des Programms her ausschließt, wäre Voraussetzung einer Rechnung mit Standardkosten, dass im Bereich von Vorprodukten oder Halbfabrikaten nach dem Baukastenprinzip standardisiert werden kann. Auch im Falle der Einzelfertigung lassen sich vielleicht wenigstens Baugruppen oder Bauteile seriell herstellen und folglich zu Standardkosten kalkulieren. Falls sich nach der Natur der Sache im geschilderten Beispiel auch das verbietet, weil etwa auch beim Walzen von Folien schon auf die später einzuhaltenden Breiten und Stärken zu achten ist, so ist generell keine Standardkalkulation, bezogen auf Produkte möglich. Hier muss von Anfang an je Auftrag produziert und bei den Kosten auftragsorientiert vom ersten Vorgang an nachkalkuliert werden. Zwar lässt sich dann sagen, dass ein Walzwerk oder eine Druckmaschine wiederkehrend die gleichen Leistungen erbringt. Was sie aber walzt und welche Breite dabei einzuhalten ist oder was für ein Aufdruck gewählt werden soll, lässt sich nur soweit standardisieren, als der Kunde den betreffenden Produkttyp wiederkehrend abruft - also standardisieren nur im Segment of one.

Ähnlich ist das Problem etwa im Falle einer Garnspinnerei, die sowohl nach Losgröße wie nach Farbspezifikation Kundenwünsche erfüllt. Muss im Falle einer Wollgarnspinnerei in der Flocke gefärbt werden, so lassen sich Garnstränge nicht als ungefärbte Zwischenprodukte standardgemäß in Serie herstellen, sondern es muss von Anfang bis Ende auftragsgeprägt durchproduziert werden - entsprechend den Kunden-Farbwünschen. Das Produkt ist wieder nur zusammen mit dem Kunden definiert.

In der Praxis findet man Mischtypen zwischen Standardprodukt bzw. Standardkostenkalkulation und Einzelfertigung. So wird eine Maschinenfabrik ihre Konstruktionen möglichst schubladisieren, so dass Bauteile seriell hergestellt werden können. Oder im Falle eines Möbelherstellers lassen sich etwa individuelle Küchenkombinationen aus genormten Komponenten zusammenstellen. Oder im Falle einer Unternehmung, die etwa Metallkontakte für bestimmte Kunden herstellt und damit Auftragsproduktion betreibt, handelt es sich trotzdem um serielle Produkte, soweit der Kunde wiederholt Aufträge erteilt und mit demselben Stanzwerkzeug sowie nach demselben Arbeitsplan und denselben Vorgabezeiten das Produkt erneut hergestellt werden kann. Auch in diesem Fall lässt sich eine Standardkalkulation aufstellen, obwohl es sich nicht um Produkte für den offenen Markt handelt, die etwa ab Lager verkauft werden, sondern auch wieder um Kunden-Standardprodukte.

Standardkosten und Deckungsbeitragsrechnung

Immer dort, wo die Möglichkeit der Standardkalkulation besteht, lässt sich eine Deckungsbeitragsrechnung leichter realisieren. Man kann in einem solchen Falle viel stärker statistisch vorgehen und sich von der Geschlossenheit eines Abrechnungszyklus lösen. Typischer Fall einer Standardproduktion und Standardkalkulation wäre etwa die Herstellung von Schokolade, die nach vorgegebenen Rezepten und bestimmten Stücklisten für die Ausstattung sowie nach einem vorgegebenen Arbeitsplan und Standardbelegungszeiten wiederkehrend hergestellt wird. Der Betrieb produziert die Ware auf Lager und der Vertrieb verkauft die Ware ab Fertiglager. In diesem Falle ist die Deckungsbeitragsrechnung einfach dadurch zu realisieren, dass eine Standardkalkulation der Produkte zu Produktkosten aufgestellt wird und dass die dabei herauskommenden Standards in den Artikelstammsatz für die (elektronische) Fakturierung übernommen werden - analog in den Daten der Scannerkassen. Dann kann der Computer mit jeder Rechnungszeile für eine bestimmte Artikelnummer den im Stammsatz stehenden Produktkostensatz abrufen und damit auf der Basis von Standards die Produktkosten des Absatzes errechnen.

Konsequenz: Die Deckungsbeitragsstatistik bis zum Deckungsbeitrag I geht genauso schnell und ist genauso mehrfach sortierbar nach Artikeln, Kunden oder Gebieten wie die Umsatz-Statistik. Außerdem ist es nicht zwingend in einem solchen Falle,dass die Standard-Produktkosten lückenlos auf einmal vorhanden sind. Es würde genügen, nach ABC-Prinzip für die wichtigsten Produkte die Standard-Produktkosten zuerst zu ermitteln und dort zunächst die Deckungsbeiträge auszuweisen.

Im Falle einer auftragsorientierten Nachkalkulation hingegen muss die Abrechnung geschlossen sein. So gehen z.B. Stunden erst einmal in die Lohnabrechnung, sortiert nach der Stammnummer des Mitarbeiters. Danach gehen die Stundenerfassungen in die Abrechnung der leistenden Kostenstellen und vermitteln dafür sowohl die Leistungsbezugsgröße als Stunden im Ist sowie für die Kostenartenrechnung die angefallenen Lohnkosten. Erst im dritten Schritt geht es dann über die Stunden, bewertet mit dem Kostensatz der leistenden Kostenstelle, in die Auftragsrechnung - zu den Kostenträgern. Hier wird also ein geschlossener Zyklus der Rechnung unterstellt, der auch zur Folge hat, dass eine Deckungsbeitragsrechnung auf der Basis der nachkalkulierten Produktkosten erst später zur Verfügung stehen kann als eine Deckungsbeitragsrechnung auf der Basis standardisierter Produktkostensätze.

Standardkosten ändern?

Standard bedeutet soviel wie Richtwert. Ändert man Standards ständig im Sinne der Aktualisierung, so hat man praktisch keine Standards mehr. Das entspricht dem grundsätzlichen Thema einer Änderung von Fahrplänen innerhalb der Gültigkeit der Fahrplanperiode. Dieses Fahrplan-Budget, dem je Stück oder je Stunde gerechnet die Standards entsprechen, soll während der Wirtschaftsplan-Periode von meistens einem Jahr nicht geändert werden. Man spricht dann auch von frozen standards. Aus den Abweichungen heraus wird parallel neben der Planung die Erwartungsrechnung aufgestellt. Diese rolliert. Die Erwartungsrechnung nach den Eindrücken des ersten Quartals wird korrigiert durch die Erwartung nach den Ergebnissen des ersten Halbjahrs. Der Fahrplan zum Vergleich hingegen bleibt bestehen.

Falls man Standardkosten während des Jahres ändern will, so müsste dies mit der Erwartungsrechnung verknüpft sein. Man spricht dann auch von current standards; gebildet etwa aus dem Durchschnitt von rollenden drei Monaten. Standards bei der Kalkulation der Produktkosten sind zu ändern, wenn andere Stücklisten oder Arbeitspläne oder Bezugsartenentscheidungen (make or buy) gelten.

Standardkosten und Umsatzkostenverfahren

Standardkosten können auch zu Vollkosten gebildet werden. Die periodischen Strukturkosten z.B. des Bereichs der Herstellung sind dann einzubeziehen. Dies bedarf einer Annahme zur Planbeschäftigung. So sind die Herstellungskosten der zur Erzielung der Umsatzerlöse erbrachten Leistungen die vollen Herstellungskosten. Und Leistungen im Plural geschrieben (§ 275 Abs. 3 HGB) heißt, dass die fakturierten Produkte mit diesen Voll-Kostensätzen aus der Kalkulation zu bewerten sind. Das gilt auch nach US GAAP (inklusive der manufacturing overhead cost).

Auch da kann die Regel praktiziert werden, dass Standards dann angepasst werden, wenn die Verfahren der Produktherstellung (Stücklisten und Arbeitspläne) sich ändern. Normale Abweichungen aus den Soll-Ist-Vergleichen z. B. der Kostenstellen können unter den Positionen sonstige betriebliche Erträge (günstige) oder sonstige betriebliche Aufwendungen (unfavorables) eingefügt werden. Die Abweichungen von den Kostenstellen bestehen in diesem Falle der Vollkostenstandards aus Verbrauchs- und Beschäftigungsabweichungen.

Quellen

IGC-Controller-Wörterbuch, International Group of Controlling (Hrsg.), 4. Auflage, Schäffer-Poeschel, Stuttgart, 2010

Controller Handbuch, 6. Auflage neu geschrieben, Verlag für ControllingWissen AG, Offenburg, 2008

Ersteinstellende Autoren

Albrecht Deyhle, Controller Akademie

Gerhard Radinger, Controller Akademie