Unternehmensnachfolge – wie kann sie auch emotional gelingen?

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Worum geht es?

Jedes Jahr werden für ca. 70.000 Betriebe Nachfolger gesucht. Zwei-Drittel der Nachfolgeregelungen erfolgen altersbedingt und planmäßig. Damit steht der Inhaber vor einer der schwierigsten Entscheidungen in seinem Leben. Bis zu dem Zeitpunkt hat er in seinem Unternehmen für den Aufbau, das Weiterkommen, den Erfolg gesorgt – oftmals sicher auch unter Verzicht von Privatleben und Privatinteressen und jetzt: Loslassen, Abgeben, Aufhören – Worte, die keine guten Gefühle auslösen.

Für eine Unternehmensnachfolge gibt es natürlich sehr viele betriebswirtschaftliche, finanzielle, steuerliche und juristische Dinge zu bedenken und für all diese Aspekte werden die fachlichen Berater herangezogen, die den Rahmen zufriedenstellend gestalten. Und dennoch lesen wir immer wieder von missglückten Nachfolgen in der Presse. Da gibt es den Unternehmer,

  • der nach der Übergabe seines Autohandel- und reparaturbetriebes an seine Tochter über den Hof geht und alten Kunden Zusagen macht, die in die neue Unternehmenskonzeption nicht passen.
  • der sein Unternehmen erfolgreich verkauft hat, aber emotional verletzt ist, weil die neue Geschäftsleitung seine Einladung zu einem Weihnachtsessen ablehnt. Zurück bleibt die Erkenntnis: Man sollte keine Geschäfte mit Leuten machen, mit denen man nicht die gleiche Schulterhöhe hat.
  • der Unternehmer, der seinen landwirtschaftlichen Betrieb an seinen Sohn abgegeben hat. Der Sohn hat in einen Hof in einem Nachbardorf eingeheiratet und bewirtschaftet den väterlichen Hof nur noch als Zweigbetrieb. Der Altenteiler lebt und arbeitet auf einem „verwaisten“ Hof.
  • der die Übertragung von Verantwortung an seinen Sohn nicht hinkriegt, sich auf die neuen Ideen seines Sohnes nicht einlassen kann und beide schließlich den Verkauf des Unternehmens beschließen.

Ein guter, erfolgreicher Übergang des Unternehmens in die nächste Generation gelingt gerade einmal der Hälfte. Die Antwort für das Gelingen liegt in der professionellen Vorbereitung, kompetenten Begleitung und strukturierten Umsetzung.

Erster Schritt - die Auseinandersetzung mit mir selbst

Die Übergabe eines Unternehmens braucht Zeit. Und je mehr Zeit sich der Unternehmer dafür nimmt, desto besser kann der Prozess gelingen. Das bedeutet jedoch, dass die Vorstellung vom Aufhören schon zu einem Zeitpunkt entwickelt werden sollte, an dem sich der Unternehmer noch voller Tatkraft, Zukunftsplänen und Stärke fühlt. Hier gibt es schon den ersten Konflikt, dass nämlich die gefühlte und die tatsächliche Leistungsfähigkeit stark auseinander klaffen.

Das bedeutet auch, sich auf Veränderung einstellen zu müssen. Veränderungen rufen in uns unterschiedliche Gefühle hervor: Angst, Hoffnung, Wünsche, Sorgen – das wird als belastender Konflikt erlebt. Schließlich geht es um nicht weniger als sein Lebenswerk loszulassen; es in andere Hände zu übergeben.

Gerade diese Gefühle wahrzunehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich klar zu werden, was sie bedeuten, muss den Prozess der Übergabe begleiten; denn sie kommen auf jeden Fall zum Tragen. Wenn ich mich nicht frühzeitig mit diesen Gefühlen vertraut mache und sie zulasse, werden sie zu einem unpassenden Moment zu Schwierigkeiten, Eskalationen, Zerwürfnissen führen.

Ich stelle mich der Veränderung

Die Veränderungen sind selbstverständlich sachlich abzuhandeln und dafür müssen gut durchdachte Konzepte entwickelt werden. Ein Unternehmen ist jedoch nicht nur rational zu betrachten, sondern hat über Jahre, vielleicht während des ganzen Arbeitslebens, das Denken, Handeln und auch Fühlen bestimmt.

Sachlich ist der Wert mit allseits bekannten Formeln zu bestimmen. Emotional kann man sich mit der Frage nähern:

Was ist mir an meinem Werk am wichtigsten?

Der Unternehmer verfügt mehr oder weniger über Kundenkontakte, Entscheidungskompetenz, Macht, Verantwortung, Autorität, Ansehen, Status u.a.m. Er muss sich der Frage stellen:

  • An welchen dieser Dinge hänge ich am meisten?
  • Worauf kann ich am wenigsten verzichten?
  • Welcher Verzicht tut am meisten weh?

Hilfreich zur Klärung ist es, diese Gedanken aufzuschreiben, sich die Erlaubnis zu erteilen, in Schleifen immer wieder auch an gleiche Hürden zu stoßen und sich in einem längeren Prozess zu Entscheidungen zu gelangen, die mit der emotionalen Ebene in Übereinstimmung ist.

Ich suche Gespräche mit meinem nächsten Umfeld

Begleitend zu diesem inneren Klärungsprozess sind am wichtigsten die Gespräche mit dem nächsten Umfeld. Zunächst ist der Aspekt der familiären Veränderung zu betrachten.

Warum ist es mir wichtig, dass z.B. ein Familienmitglied das Unternehmen weiter führt ?

Sobald es um die Nachfolge innerhalb der Familie geht, gilt es, die Kinder in der Reihenfolge ihres Alters zu berücksichtigen. Wenn eines der Kinder die Nachfolge anstrebt, ist immer auch der Ausgleich für die anderen Kinder anzusprechen, und zwar materiell, aber auch besonders emotional. Jedes Familienmitglied muss das Recht haben auszusprechen, was für ihn die angestrebte Regelung bedeutet.

Ich stelle mich der Erinnerung an die eigenen Anfänge

Bevor die Einführung des Nachfolgers ins Unternehmen geplant wird, ist im Vorfeld bereits eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit anzuraten:

  • Wie habe ich selbst damals angefangen ?
  • Wie war das damals als ich selbst übernommen/gegründet habe?
  • Was hätte ich mir an Unterstützung gewünscht? Was hätte ich gebraucht?
  • An welche Schwierigkeiten erinnere ich mich genau?
  • Welche Weichenstellung war entscheidend für den Erfolg?
  • Hat der Übergebende Fehler gemacht, die ich nie wiederholen wollte?
  • Was habe ich damals richtig gemacht?
  • Was habe ich falsch gemacht?

Mit dem ehrlichen Erinnern an die eigenen Anfänge wird es gelingen, die Lebensleistung unter den Faktoren von Glück und Dankbarkeit zu würdigen. Damit wird auch eine Gesprächsgrundlage mit dem Nachfolger geschaffen, in der es nicht nur um die sachliche Ebene geht, sondern die emotionale Seite ihren Platz erhält. Gerade, wenn der Nachfolger ein Familienmitglied ist, sollte der Übergeber sich aufrichtig seinen Gefühlen diesem Menschen gegenüber stellen, und sie dann auch aussprechen.

Das offene Gespräch mit dem Nachfolger führen

In der Umsetzung stehen dann auch wieder die eher sachlichen Aspekte der Übergabe im Vordergrund. Wenn die Gefühlsebene bis hierher ausreichend Raum gefunden hat und die Gefühle auch ausgesprochen wurden, kann dies auch das weitere Vorgehen begleiten. Denn nun kommt es darauf an, dies in die Kommunikation mit dem Nachfolger zu integrieren.

Ganz entscheidend in dem Nachfolgeprozess ist dann die eindeutige, planvolle und von allen Seiten akzeptierte Übergabe von Kompetenz und Verantwortung, sowie der Respekt vor einmal getroffenen Entscheidungen.

  • Welche Ziele verfolge ich mit der Unternehmensnachfolge?
  • Welcher Wert meines Unternehmens ist mir besonders wichtig?
  • Was ist die besonders anstrengende Seite der Arbeit in diesem Unternehmen?
  • Was macht die Arbeit für mich so besonders attraktiv?
  • Warum möchte ich genau dieses Unternehmen weiter vorn bringen?
  • Welche Dinge geben mir besondere Befriedigung?
  • Was erhoffe ich für das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren?

Zusammenfassung

Unbestritten muss der Nachfolgeprozess unter den sachlichen und fachlichen Gesichtspunkten geklärt werden. Die emotionale Seite bei Unternehmensübergaben spielt jedoch eine nicht weniger wichtige Rolle.

Noch einen Aspekt gilt es zu berücksichtigen: Unternehmensführung wird in der Literatur, Presse und in der Ausbildung unter technischen, sachlichen und faktischen Blickwinkeln betrachtet. Es wird vor allem geschaut, was der erfolgreiche Unternehmer gemacht und wie er gehandelt hat. Nur selten wird über die Haltung des Unternehmers, seine eigentlichen Anliegen, seine Bedürfnisse und auch seine Ängste und Hoffnungen gesprochen. Der Übergabeprozess ist eine Chance, diese Sprachlosigkeit zu beenden.

Erfolgsfaktoren für die Übergabe:

  • Machen Sie sich frühzeitig mit dem Gedanken an eine Übergabe vertraut.
  • Stellen Sie sich ihrer Gefühlsebene und beginnen Sie darüber zu sprechen.
  • Beziehen Sie alle Betroffenen in den Prozess ein - klare Trennung von Unternehmen und Privatleben.
  • Zögern Sie nicht, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.
  • Ermöglichen und schaffen Sie ein gutes Gesprächsklima zwischen sich, dem Nachfolger und allen von der Übergabe Betroffenen und bleiben Sie im Gespräch, auch wenn die Nachfolge dann geglückt ist.

Ersteinstellende Autorin

Katrin Kuhls

katrin.kuhls@wege-hamburg.de

WEGe Managementberatung GmbH